Mittwoch, 18. Dezember 2013
Mittwoch, 13. November 2013
Mittwoch, 30. Oktober 2013
Printseite Oktober 2013 / Begegnungen
von Jonas Gadomska
Stille. In meinem Kopf herrscht Hochbetrieb. Unzählige
Fragen, auf die ich versuche eine Antwort zu finden, knallen mir gegen den
Kopf. Warum? Warum hier? Warum heute? Warum jetzt? Die mich eben noch nervende,
ohrenbetäubende Lautstärke des Konzertes und die stickige Luft werden
nebensächlich. Sie ist hier. Meine Englischlehrerin. Zu allem Überfluss findet
mein Bruder, der meinem panischen Blick gefolgt ist, es lustig ihr zu zuwinken.
Ich ramme ihm meinen Ellenbogen in die Seite, da ich einen bösen Blick erwarte,
den sie mir im Unterricht alltäglich zu wirft. Sie winkt!? Winken? Was soll
das? Diese und weitere Fragen ließen mir auch nach dem Konzert keine Ruhe,
genauso wie die Tatsache, dass ich sie morgen in der ersten Stunde haben würde.
Nach einer quälend langen Nacht ohne Schlaf, kam ich verspätet und
schlaftrunken an meinem Klassenraum an. Ich klopfte etwas zögerlich und öffne
die Tür. Vor mir steht eine, nicht wie erwartet schlechtgelaunt guckende Frau,
im Gegenteil! Mit einem netten Lächeln deutet sie nickend, ohne auf eine Entschuldigung,
auf meinen Platz. Obwohl die Englischstunde sehr langweilig und ich kurz vor
dem Einschlafen war, ging sie ausgesprochen schnell um. „Na Jonas, wurde
gestern spät oder? '', höre ich eine Stimme von hinten und drehe mich um. Sie
sieht genauso aus wie sonst, dennoch bemerke ich, dass irgendwas anders an ihr
ist. Ja, ihre Augen strahlen vor Freunde und sie lächelt mich an. Sie ist
anders und doch gleich. Noch heute denke ich über diese gewöhnliche und
gleichzeitig ungewöhnliche Begegnung nach, die meine Einstellung zu anderen
Menschen verbesserte. Außerdem kann ich mir immer noch nicht erklären, warum
sie auf einmal so freundlich ist. Durch diese Begegnung veränderte sich, wie
durch ein Wunder, die Beziehung zu meiner damaligen Englischlehrerin, die nun
meine Klassenlehrerin ist.
von Yasemin Rittgerott
„Denn es geht um Begegnungen / es hängt damit zusammen wen
du irgendwann triffst“ singen Nosliw und NattyFlo in ihrem Song „Begegnungen“.
Ich treffe Julia, nachdem ich ca. 5 Tage in dieser neuen
Stadt wohne. In diesem folgenden Wochenende, bekomme ich zu spüren, wovon die
beiden da singen.
Julia und ich gehen mit ihrer Mitbewohnerin und Freunden von
ihr in der Mensa essen, abends dann feiern, da treffe ich dann Charlotta und Celina,
heute bin ich fast schon das 5. Mitglied in ihrer 4er Mädels-WG.
Ich war von Anfang an zuversichtlich. Und das zu Recht! Denn
man muss nur eine neue Person treffen, die dann einen kennt, der dann eine
kennt, die dann wieder wen anderes kennt usw. Plötzlich kennt man all diese
Menschen, die vor kurzem noch Fremde waren, schon ziemlich gut und man beginnt
eine gemeinsame Routine zu entwickeln. Wer hat wann mit wem zusammen eine
Vorlesung. Mit wem kann man wann gemeinsam in die Mensa gehen.
„So was passiert wenn sich Wege kreuzen / ein jeder kennt
das bei seinen Freunden / dieses Gefühl wenn die Vibes so nice sind das
ist nicht selbstverständlich“. Und die Stimmung zwischen uns ist wirklich so
nice! In dieser wirklich kurzen Zeit hat sich aus uns, die wir alle alleine
dastanden ein neuer Freundeskreis entwickelt. Für jede von uns hat eine erste
nette Begegnung zu allem weiteren geführt. Etwas, das ich jetzt schon nicht
mehr missen möchte.
Mittwoch, 16. Oktober 2013
Printausgabe Oktober 2013 / Makel(los)
von Tassia Weimann
"Mit jedem deiner Fehler lieb ich dich mehr",
singt Philipp Poisel in seinem Ohr und irgendwie fühlt er sich unwohl in seiner
Haut. Nicht nur, weil er Philipp Poisel hört. Nein, irgendwie kann er das nicht
glauben. Dass Fehler einen noch liebenswerter machen. Zu etwas Besonderem. Denn
schließlich zielt doch alles auf Schönheit ab. Die Firmen, die Werbung, die
Modelagenturen, das Fernsehen. Wenn Dieter Bohlen nach einer mäßigen
Gesangseinlage lobt: "Sie sieht super aus - Sie hat das Zeug zum
Superstar!", dann fragt er sich wirklich, ob es nicht doch unsere Makel
sind, die uns ausscheiden lassen. Die uns nicht in die Hollistermodelkartei
lassen oder jede andere Chance mildern. Wie die Chancen der Frauen bei einem
seiner Kumpel, der selbst Freunde nach Schönheit sortiert. "Sie ist nicht
so hübsch, aber ihre Freundinnen sind heiß! Da geh ich hin!" Na danke,
denkt er auch dann, aber schweigt. Ihm gefällt seine Nase nicht und seine
ebenfalls schiefen Zähne. Und dunklere Haare wären auch besser. Aber eigentlich
wäre es nur besser wäre ihm all das endlich egal. Würde er einfach auf seine
wirklichen Freunde hören, die ihm auf die Schulter klopfen und ihn nicht wegen
Philipp Poisel aufziehen. Die mit ihm über diese aufgesetzten Mädchen
herziehen, die mit ihrem "ach so perfekten" Aussehen plus ampelroten
Lippenstift um Aufmerksamkeit buhlen. Die wahrscheinlich sagen würden, er sei
nicht hübsch. Durchschnittlich, aber nicht hübsch. Nichts mit dem sie dich
abfinden würden. Und sein erster Gedanke ist: "Verdammt macht dich dein
Charakter hässlich". Denn eigentlich sollten wir verdammt klischeehaft
sagen: Das Innere zählt. Denn das tut es. Selbst wenn er perfekt aussehen
würde, wären ihm diese Mädchen mit ihrer Oberflächlichkeit zuwider. Und er
möchte eh kein Superstar werden. Sein einziger Fehler bleibt: Er denkt zu viel.
Und der einzige Gedanke, der ihm nicht in den Sinn kommt ist, dass ihn das
verdammt liebenswert macht.
von Yasemin Rittgerott
Sie bedecken deine Haut, als hätte ein kleines Kind beim
Malen nicht richtig aufgepasst und überall Farbe herumgespritzt. Es sind
tausende und scheinen kein Ende nehmen zu wollen. Wenn ich dich ansehe, fühle
ich mich als würde ich den dunklen Nachthimmel betrachten von dem die Sterne
hinableuchten und mit ihrem Licht ihre ganz eigenen Geschichten auf die Erde
senden. Genauso strahlen mir auch diese orangenen Tupfer von deiner blassen
Haut entgegen. In ihnen sehe ich Bilder, die sich aneinanderreihen und mit
meiner Fantasie von so einigen Abenteuern erzählen.
Schon oft habe ich angefangen sie zu zählen und dabei
versucht, jeder einzelnen einen Kuss aufzudrücken, aber das hat dich gekitzelt.
Aber eigentlich ist es weniger das Gekitzle, was dich stört.
Du magst es überhaupt nicht, wenn ich deinen Sommersprossen
so viel Aufmerksamkeit schenke. Einmal hast du mir erzählt, wie du als Kind versucht
hast, sie dir von der Haut zu radieren. Mit den Jahren hast du gelernt, sie zu
akzeptieren. Aber wie gesagt, so richtig gern hast du sie immer noch nicht.
Dabei lassen sie dich so zuckersüß aussehen, wie sie sich zu kleinen Horden
zusammenfinden, zum Beispiel um deine Nase oder auf deinen Knien.
Deine Sommersprossen lassen dich lebendig wirken, selbst
wenn du mit geschlossenen Augen einfach nur daliegst. Auf deiner Haut geht die
Party. Von glattgebügelt keine Spur. Sie machen dich einzigartig.
Mittwoch, 18. September 2013
Printseite September 2013 / Postcrossing
von Yasemin Rittgerott
Was ist Postcrossing?
Paulo Magalhães aus Portugal bekam schon immer gerne Post –
vor allem Postkarten. Ob von Freunden, Familie oder irgendwo aus der Welt, das
ist egal, je zufälliger der Ort und die Person, desto besser. Er kannte noch
einige Leute, denen es genauso ging, und so entstand die Grundidee von einer
Internetplattform, die sein Offline-Hobby unterstützen konnte.
In seiner Freizeit fing Paulo dann an, an der Website zu
basteln und Freunde halfen sie zu testen. Und nach ein wenig Unentschlossenheit
über den Namen, war das Postcrossing Projekt am 14. Juli 2005 für jederman
zugänglich.
Sein Ziel: Menschen auf der ganzen Welt durch Postkarten
verbinden, unabhängig von ihrem Ort, Alter, Geschlecht oder Glauben. Und das
für (fast) umsonst. Denn die Idee ist, wenn du eine Postkarte verschickst,
bekommst du von einem zufälligen Postcrosser von irgendwoher eine Postkarte.
Und wie funktioniert
das Ganze jetzt?
Damit es losgehen kann, muss man sich erst mal registrieren.
Der nächste Schritt ist dann das Schreiben seiner ersten Postkarte. Die Website
wird dir eine Adresse von einem Postcrosser geben, an welchen du nun schreiben
musst. Du hast auch Zugriff auf sein Profil, in welchem viele schon Interessen
und Wünsche für Postkarten formuliert haben. Außerdem wird dir zusätzlich zur
adresse auch eine ID-Nummer angezeigt, die auf der Karte stehen muss.
Kommt deine Karte dann nämlich an, kann ihr Empfänger die
Postkarte mit dieser Nummer auf der Website registrieren und ab da bist auch du
berechtigt, Postkarten zu empfangen. Woher die dann kommen, ist eine
Überraschung!
von Yasemin Rittgerott
Serge ist 10 und kommst aus Minsk. Auf seiner Postkarte an
mich schreibt er, dass ihm mein Name gefällt und Deutsch sein Lieblingsfach in
der Schule ist. Muss ich erwähnen, dass die Karte auf Deutsch geschrieben ist?
Die 74-jährige Bep aus den Niederlanden schreibt zwar auf
Englisch, rührt mich aber mit dem Spruch „luck is in the small things“, der
auch auf Holländisch die Vorderseite ihrer Karte schmückt, genauso, wie der
kleine Serge. Der ist aber immer noch nicht der jüngste meiner Kartenschreiber.
Mateo ist erst 4 und ich gehe stark davon aus, dass seine Mutter die Karte
geschrieben hat. Sie war es auch, die ihn zu Postcrossing gebracht hat, weil er
es liebt, Postkarten zu sammeln. Seine Karte ist 11,795 km von Indonesien bis
zu mir (damals noch in England) gereist. Das ist aber noch lange nicht, die
längste Strecke, die eine Karte auf dem Weg zu mir zurücklegen musste. 19,058
km hat die Karte von Aaron aus Neuseeland hinter sich gebracht, dafür aber nur
17 Tage gebraucht. Keine wirklich lange Zeit verglichen zu den 68 Tagen, die
Dmitrys Karte aus Russland zu mir unterwegs war. Sachas Karte aus Frankreich
ist gleichzeitig die mit der kürzesten Reisedauer und kürzesten zu
überwindenden Strecke: 378 km in 3 Tagen. Außerdem ist sie auch meine erste
empfangene Karte via Postcrossing. Das war am 22. November 2012. Seitdem haben
es noch 44 weitere Postkarten ihren Weg in meinen Briefkasten gefunden.
Unteranderem auch die, die ich oben vorgestellt habe. Menschen aus 19
verschiedenen Ländern haben sich die Mühe gemacht, mir einen kleinen Gruß zu
senden. Ich bin jedes Mal wieder von Neuem fasziniert, wenn ich etwas Neues von
der Welt durch diese kleinen Pappstücke lerne. Und nicht nur über all die
verschiedenen Länder, aus denen ich Post bekomme, sondern auch über ihre
Menschen. Zum Beispiel, dass Esther aus Taiwan am liebsten „stinky tofu“ isst,
Julia aus Russland gerne Lana del Rey hört und dass der 15-jährige Ivan aus
Weißrussland sich für Fußball interessiert.
Meine Möglichkeiten jetzt sofort die ganze Welt zu bereisen,
sind begrenzt und während ich nur langsam alles selbst erkunden kann, lass ich
die Welt halt in meinen Briefkasten kommen.
von Tassia Weimann
Dieses Gefühl vor dem Briefkasten zu stehen und zu hoffen,
dass auch ein Brief für mich dabei ist, verfolgt mich schon mein Leben lang.
Was früher immer seltener vorkam, passiert jetzt schon öfters. Aber: Immer noch
nicht oft genug. Ich bin süchtig geworden nach dem Hochgefühl, wenn man einen
Brief oder eine Postkarte erhält - und
keine Rechnungen. Doch als ich in der Schweiz bei meiner Gastfamilie war, war
es auch erst einmal schlagartig mit schöner Post zu Ende. Ich nahm also Briefe
und Päckchen vom Postboten, der dort übrigens immer(!) mit dem Moped kommt, an
und hoffte inständig auf das Hochgefühl. Aber da kann man ja Gott sei Dank
nachhelfen. Dank Yasemin erfuhr ich von Postcrossing und zögerte nicht lange
mit der Anmeldung. Mir gefiel das Prinzip des Gegenseitigen Schreibens ohne
eine regelmäßige Verpflichtung einzugehen. Und es war eine Möglichkeit selbst
kreativ zu werden. Denn eine lieblos ausgewählte Postkarte macht mich selbst
auch nur halb so glücklich. Ich klaute meinen Gastkindern also Tuschkasten und
Pinsel und entwarf selbst Postkarten, die etwas mit der Schweiz zu tun hatten.
Meine erste Postkarte ging an Darrel, der in den USA lebt.
Ich schrieb den Text vor, da es mir schon irgendwie schwer fiel mit einem
unsichtbaren Gegenüber Smalltalk zu führen. Neben meiner damaligen Situation
erzählte ich ihm noch, was für mich das schönste an der Schweiz war – das Essen
und die kleine aber abwechslungsreiche Umgebung.
Was besonders schön an der Sache ist, dass man sich für
seine Postkarte auch bedanken kann und Fragen beantworten kann. Was Darrel so
süß wie kein Zweiter machte, als er meinte, er möchte nun auch kreativer werden
und auch so schöne Postkarten verschicken.
Danach war nun Abwarten angesagt auf meine erste Postkarte.
Die promt aus der Heimat und sogar aus Soltau kam. Ich muss zugeben, dass ich
doch ein wenig enttäuscht war. Es geht mir ja beim Postcrossing auch darum mit
Leuten aus den verschiedensten Ländern in Kontakt zu treten und etwas über ihr
Land und ihr Leben zu erfahren. Was nun Soltau leider nicht erfüllte.
Aber die nächsten Karten, die ich bekam, konnten mich mit
diesem Kriterium auf jeden Fall überzeugen. Da war einmal Helena aus Russland,
die sogar auch in Deutsch schrieb und deren Karte eine traditionelle russische
Tracht zeigte, die ich so auch noch nicht gesehen hatte. Und meine bisherige
Lieblingskarte von Gracy aus China. Ihre Karte war genau nach meinem Geschmack.
Sie ähnelt einer analogen Fotografie einer Einkaufsstraße in Gu Lan Yu und
wurde in meinem Zimmer sofort in einen Bilderrahmen gesteckt. Eigentlich war
sie die Erste, die mir geschrieben hatte. Bis sie mich aber erreichte waren
dann doch 17 Tage vergangen.
Meine anderen beiden Karten gingen beide nach Russland und
waren natürlich auch selbst gestaltet. Doch seitdem ich wieder in Deutschland
bin, ist mein Postcrossing leider etwas eingeschlafen. Die Motivation eine Karte von Deutschland zu
erstellen, hält sich bislang noch in Grenzen. Aber das kommt dann hoffentlich,
wenn es wieder raus aus der Heimatstadt in eine neue Stadt geht und man selbst
wieder alles mit anderen Augen sieht. Und dann schreib ich Myriam aus Soltau,
wie schön doch Deutschland ist. Und das Postcrossing mich motiviert hat über
meinen Wohnort nachzudenken.
September 2013 / Sound
von Yasemin Rittgerott
Jennifer Rostock – Es
tut wieder weh
„Du tauchst in mein
Leben / Schürst aufs Neue die Glut / Und meine älteste Narbe spuckt wieder
Blut“ Wenn dir die eine alte Liebe, die du nicht vergessen kannst, wieder über
den Weg läuft und alles über dir zusammenbricht. Jennifer Rostock finden in
diesem Song genau die richtigen Worte für dieses Gefühl.
King Kong Kicks – Get
down on it
1 StundeKing Kong
Kicks – Get down on it 1 Stunde, 1 Minute und 2 Sekunden lang ist dieser Track
und mein absoluter Favorit, wenn ich nach Hause kommen und entspannen möchte.
Ich mache irgendwas und lasse ihn nebenbei laufen. Herrlich!wenn ich nach Hause
kommen und entspannen möchte. Ich mache irgendwas und lasse ihn nebenbei
laufen. Herrlich!
Carolina Liar - Show
me what I’m looking for
„Save me from being
confused / Show me what I'm looking for“ Irgendwie bin ich grad in so einer
Phase, wo ich nicht weiß, was, wen und wohin ich will, außer vielleicht, dass
das Studium endlich los geht, ich tolle Mitbewohner finde und somit bald
umziehen kann. "Show me what I’m looking for" passt jedenfalls im Moment
perfekt.
Unsere Sound-Playlist findet ihr bei spotify unter: Wortfluss Sound
Mittwoch, 4. September 2013
Printseite September 2013 / Wahl-O-Mat zur Bundestagswahl 2013
von Jonas Gadomska
Dieses Klicken. Nächste Seite. Ich weiß nicht wie lange ich
schon vor dem Bildschirm meines Computers sitze, mindestens 15 Minuten. Meine
Langeweile vermischt sich mit der, von meinen Eltern geerbten politischen
Begeisterung zu einem ungewohnten Gefühl. Etwas Verwunderung und Enttäuschung
verzieht meinen sonst so toleranten und wohlwollenden Gesichtsausdruck, als ich
die rechtsextremen Aussagen zur Gleichberechtigung Homosexueller lese.
Solche Überlegungen stehen meiner Meinung nach nicht zur Debatte, da Homosexuelle
normale Menschen sind, die in einem freien Land leben und das Recht haben, ihr
Leben so zu leben wie jeder andere auch. Außerdem verabscheue ich rechtes
Gedankengut und deren Folgen. Trotz meiner Aufgeregtheit bin ich froh, dass es
diesen Politiktest gibt, da ich mir nicht vorstellen kann, welche Partei
ich bald wählen soll. Ich finde nicht, dass man sich auf das Ergebnis dieses
Testes fixieren sollte, dennoch würde ich mich, wenn ich jetzt wahlberechtigt
wäre, von dem Ergebnis beeinflussen lassen. Nun bin ich auf der letzten
Seite angekommen. Mir schießen dutzende Gedanken durch den Kopf: Wie wird das
Ergebnis aussehen? Wird es mir helfen oder werde ich mich dagegen entscheiden?
Und...? Ein Sozialdemokrat! Nun fällt mir die Aufregung von den Schultern und
ich bin erleichtert. Der Politiktest – Was für eine tolle Erfindung!
von Tassia Weimann
Stirnrunzelnd, blicke ich auf das Ergebnis des Wahl-O-Mat.
Die ersten beiden Parteien, die ich mit knapp 79% oder 75% wählen könnte,
passen überhaupt nicht in mein Weltbild. Weder Piraten noch die Linken würde
ich im Endeffekt in ein paar Wochen wählen. Und somit hat dieser Test doch
schon keine Bedeutung mehr oder? Für mich jedenfalls, als doch recht
hinterfragende und kritische Person bleibt dieser Test einfach nur eine Suche
nach Bestätigung meiner eigentlichen Auswahl. Und die beschränkt sich nun mal
auf gerade mal zwei Parteien. Die wenigstens auf Platz 3 und 4 liegen. Aber
warum nicht eins und zwei wählen? Weil ich mich vorher – sei es damals im
Politikunterricht oder auch zu Hause – ein wenig schlau gemacht habe. Hätte ich
das nicht, würde ich wahrscheinlich etwas wählen, was nicht wirklich meiner
Meinung entspricht. Denn ich stimme ja auch mit 57,1 Prozent Pro Deutschland
und der NPD zu, obwohl ich zum Beispiel das Adoptionsrecht für Homosexuelle und
das Parteiverbot als besonders wichtig markiert habe. Ich würde also nicht
behaupten, ich hätte zu über 50% das Gedankengut der Neonazis angenommen,
sondern Pro Deutschland und die NPD haben sich einfach den Fragenstellungen angepasst.
(Welches übrigens bei vielen meiner Freunde ebenfalls der Fall war.) Das
wirklich Interessante am Wahl-O-Mat sind für mich die Beantwortungen der Thesen
am Ende des Testes, wenn man sich nochmal ansehen kann, was welche Partei dazu
zu sagen hat. Denn genau das fehlte mir am Anfang der Tests. Wer kann schon
behaupten, er sei über all die Fachgebiete genauestens informiert. Im
Politikunterricht habe ich sicherlich mal über die Regulation des Marktes
gehört. Aber wäre das nun schlecht oder gut für den Strompreis? Jedenfalls habe
ich noch eine vage Erinnerung, dass eine starke Regulierung nicht besonders gut
sei. Aber wie gesagt, eben nur vage. Würden man den ausformulieren Antworten der
einzelnen Parteien bereits am Anfang zu- oder nicht zustimmen können, wäre für
mich ein wenig mehr Klarheit gegeben und man könnte der Manipulation einiger
Parteien ein wenig entgegensteuern. Der Test ersetzt für mich auf jeden Fall
nicht weitere Informationsbeschaffungen. Ich hoffe mal, dass sich andere auch
dieser Verantwortungen bewusst sind und sich nicht blind auf irgendwelche
Testergebnisse verlassen.
von Elina Göhrmann
Lange Version oder kurze Version? Schon bei der Frage könnte
ich den Kopf schütteln. Wozu gibt es einen Test, wo man nur zwanzig statt
fünfzig Fragen beantworten muss? Dann müsste man schließlich gar nicht erst so
etwas durchführen. Na klar, Zeit spielt immer eine Rolle, aber ich selbst bin
eher der „ganz oder gar nicht“-Typ und klicke auf die lange Version. Und schon
kurz darauf wird mir klar, dass ich wirklich nicht der Mensch für Politik bin,
wirklich nur sehr wenig Ahnung habe und bei einigen Fragen nicht weiß, was ich
anklicken soll. Stimme ich voll zu oder nur ein wenig? Meinen die Ersteller die
Frage wirklich so, wie ich sie aufnehme oder ganz anders? Jedes Mal, wenn ich
mir nicht sicher bin, klicke ich lieber das an, was weniger Wichtigkeit hat –
denn wäre es so wichtig für mich, müsste ich mir ja sicher sein. Oder? Dieses
'oder' denke ich, während ich den Test mache, ziemlich oft, was mich ziemlich
verunsichert. Schließlich sollte mir das Ganze ja eigentlich dabei helfen,
herauszufinden, was ich wählen sollte. Und auch als ich das Ergebnis schwarz
auf weiß habe, fühle ich mich noch nicht überzeugt. Sozialdemokratische
Weltbürgerin. Unten drunter Prozentzahlen der einzelnen Charakterzüge. 38
Prozent pazifistisch(*) und 23 Prozent anthropozentrisch(**) stehen unter
anderem da und als Erstes brauche ich Google, um überhaupt zu verstehen, was
das Ergebnis mir mitteilen soll.
Aus purer Neugierde mache ich auch noch den kurzen Test –
die Fragen sind dieselben, nur, dass einige heraus gekürzt worden sind. Das
Prinzip, ebenso wie die Zweifel, sind auch hierbei vertreten.
Sozialdemokratische Kosmopolitin steht dieses Mal auf dem Bildschirm. Die
Prozentzahlen sind jedoch in einigen Bereichen unterschiedlich, wie zum
Beispiel bei 'laizistisch(***)' um lockere 22 Prozent. Egal, ob bei beiden
Tests das 'Sozialdemokratische' vorne stand, als Hilfe sehe ich diesen Test auch
im Nachhinein nicht an. Dann setzte ich doch lieber auf das normale Informieren
per Medien. Und auf das eigene Entscheiden, ohne unsichere Antworten bei einem
Test.
* Krieg prinzipiell ablehnend
** den Menschen in den Mittelpunkt stellend
*** strenge Trennung von Staat und Kirche
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