von Elina Göhrmann
Vorsichtig lehne ich mich ein Stück vor. Meine Hände liegen
an der Wand hinter mir, meine Augen sind fest zugekniffen. „Du hast festen
Boden unter den Füßen“, denke ich. „Stell dich nicht so an.“ Ich blinzle und
sehe zuerst nur meine Wimpern. Und danach das Geländer. Ich muss noch ein
Stückchen weiter vor. Nur noch ein kleines Stück. Ich strecke mich, sodass nur
noch meine Fingerspitzen die Wand berühren. Mein Blick liegt auf dem Horizont:
Ist dieses Panorama vom Leuchtturm nicht schön genug? Aber die Klippen mit den
heranrauschenden Wellen sollen ein fantastischer Anblick sein. Vorsichtig
wandern meine Augen nach unten und ich sehe Wasser. Aber immer noch keine
Klippen. Meine Finger beben und ich lehne mich wieder gegen die Wand. Ich muss
sie loslassen und an das Geländer treten, um die Aussicht auf die Klippen
bewundern zu können. „Los geht’s“, spreche ich mir Mut zu. „30 Sekunden werden
dir nicht schaden. Du stehst sicher.“ Ich schlucke und mache den Schritt nach
vorne. Jetzt muss ich nur noch meinen Blick senken. Langsam schüttle ich den
Kopf. Nein. Nein, das kann ich einfach nicht. Die Aussicht kann niemals so
schön sein, dass ich dafür meine zitternden Lippen und den Knoten in meinem
Magen vergesse. Heute Nacht werde ich nur von dem Panorama träumen und nicht
von meiner Angst. Ich wende mich ab und gehe.
von Hannah Springer
Noch ein Stückchen und noch ein Stückchen. Es war nicht mehr
weit, bald würde sie es geschafft haben. Der Untergrund machte es ihr nicht
leichter. Es war glatt und viel zu hell. So etwas hatte sie vorher noch nie
gesehen. Noch ein Stückchen und noch ein Stückchen. Es war anstrengend,
eigentlich viel zu anstrengend für ihren nach Nahrung schreienden Körper. Warum
bloß war ihr das passiert? Hätte sie doch besser aufgepasst. Noch ein Stückchen
und noch ein Stückchen. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, dass sie auf dem
Zweig ihres Lieblingsbaumes gesessen und sich gesonnt hatte. Sie war
unvorsichtig geworden, hatte sich kopfüber gedreht. Dann ein Ruck. Sie verlor
den Halt. Fall, Aufschlag, Bewusstlosigkeit. Noch ein Stückchen und noch ein
Stückchen. Jetzt waren es nur noch wenige Schritte. Sie nahm nochmal alle ihre
Kräfte zusammen und stürzte nach vorne. Geschafft. Die Farben hauten sie fast
um. Kräftiges Grün, strahlendes Rot und Orange und noch viel mehr. Sie war
erschöpft, aber auch so unglaublich glücklich. Endlich hatte die kleine Ameise
den Tellerrand erklommen.
von Tassia Weimann
Lass mich über deinen Tellerrand blicken.
Der, der zu dir weist.
Du hast so viel vor dir aufgeschichtet, dass ich dich kaum
erkennen kann.
Komm, ich kau für dich die zähen Stücke mit.
Manchmal ist es leichter zu zweit.
von Jonas Gadomska
„Mist! Nicht das schon wieder!”, ärgere ich mich und
versuche meine Fahrradkette mehr oder weniger fachmännisch einzuspannen. 10 Minuten
bis Unterrichtsbeginn. „Ich bin ja schon wieder mitten in der Pampa gelandet.”
Schon wieder! Schon wieder? Die Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg durch das
grüne Blätterdach des Waldes. War ich hier wirklich schon mal? Alles sieht so
anders aus, hier auf dem Boden. Hatte ich das die letzten Wochen beim Radfahren
gar nicht mitgekriegt? Das Vogelgezwitscher war mir bisher gar nicht
aufgefallen - wahrscheinlich wegen der lauten Musik meiner Kopfhörer. Ich
schaue auf meine Uhr. „In 7 Minuten schaffe ich es bestimmt nicht zur Schule!”,
gestehe ich mir ein und gehe in den Wald. Endlich mal etwas Neues wagen ist
immerhin besser, als sich von allem geißeln zu lassen.
von Lara Konrad
Knapp 16.000 Kilometer ist mein Blick über den Tellerrand
entfernt. Die halbe Welt bin ich dann von allem Vertrauten entfernt, von meiner
Familie, meiner Liebe, meinen Freunden. Ich weiß nicht, was mich dort hinter
meinem Tellerrand erwarten wird oder ob dort überhaupt etwas Anderes liegt als
hier. Vielleicht wird mir dort aber auch erst bewusst, was so etwas - ein
Tellerrand - überhaupt ist, und was es bedeutet, über diesen zu schauen. Lassen
sich dort Antworten finden auf Fragen, die ich noch nicht einmal zu stellen
weiß? Werden sich meine Wünsche und Vorstellungen bewahrheiten? Wird es mir
schwer oder leicht fallen? ... Lohnt es sich überhaupt, mein bisheriges Leben
auf diese Weise zu hinterfragen, oder ist gerade der Sprung über diesen und den
Mut, den dieser braucht, das, was den Tellerrand ausmacht?
Eins weiß ich aber im Moment mit Sicherheit: Sich
ausschließlich innerhalb seines eigenen kleinen Tellers zu bewegen mag das
Einfachste der Welt sein. Es ist aber auch das Fatalste. Denn wie kann man sich
selbst und andere begreifen, wenn man seinen eigenen Teller niemals von außen
aus einer anderen Perspektive betrachtet, niemals den Mut aufbringt, den
entscheidenden Blick und den Sprung aus diesem zu wagen? Vielleicht überhaupt
nicht.