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Mittwoch, 16. Dezember 2015

Printseite Dezember 2015 / Zuhause


von Yasemin Rittgerott

„Home ist where your heart ist.“ Dieser ständig überall auftauchende Satz, ist in meinen Augen nicht ganz richtig. Ich habe Teile meines Herzens an viele Leute vergeben, an vielen Orten zurückgelassen. Bei diesen Leuten oder an diesen Orten gefällt es mir, dort fühle ich mich wohl. Aber ‚zu Hause’ bedeutet für mich noch mehr. Zu Hause bedeutet den Kühlschrank zu öffnen und nicht erst schauen zu müssen, was so da ist, sondern zu wissen, dass ich gestern noch daran gedacht habe Joghurt zu kaufen, den ich gleich mit meinem Lieblingsmüsli frühstücken werde. Zu Hause muss ich in keinem Koffer wühlen und hoffen, dass ich mein Lieblingsoberteil auch wirklich eingesteckt habe – es ist entweder im Schrank oder in der Wäsche - meistens eher letzteres.
Nach dem Abitur und mit dem Auslandsaufenthalt kam schnell die Frage auf, wo ich eigentlich zu Hause bin. Mein altes Kinderzimmer war ziemlich leer zurückgeblieben, hatte ich doch ausgemistet und all meinen wichtigen Kram mitgeschleppt. Und spätestens als ich vor Unibeginn knapp drei Monate wieder in dieses Zimmer einzog, wurde mir klar, dass aus zu Hause, Heimat geworden war. Ich war einmal ausgezogen und irgendwie gab es kein Zurück mehr, ich war zum Besucher in meinen eigenen vier Wänden geworden. Der endgültige Auszug in eine andere Stadt machte auch dieses Gefühl endgültig. Weder mein altes Zimmer, noch das Haus, in dem ich den Großteil meiner Jugend gelebt hatte, gibt es noch für mich. Komme ich in die Heimat komme ich bei Großeltern, Eltern oder Freunden unter, schlafe in Gästezimmern, geteilten Betten oder auf dem Boden, immer nur kurz zu Besuch. Nach dieser Zeit kehre ich dann zurück zu meinem zu Hause, dort wo ich den Kühlschrank fülle, meine Wäsche wasche und mein eigenes kleines Chaos beherrsche. Die Teile meines Herzens mögen überall verteilt für meine Lieben und meine liebsten Orte schlagen, aber hier, hier schlägt es nur für mich.

von Jonas Gadomska

„Jooonas!“ Ich drehe mich um und bekomme prompt eine Schulter in mein Gesicht gerammt. Das passiert mir fast immer, wenn sie von hinten auf mich zuläuft um mich übermütig zu umarmen. „Was machst du denn hier?“, frage ich sie, während ich meine schmerzende Wange halte. Sie mustert mich.
Nachdem ihr Blick seinen Weg in mein Gesicht gefunden hat, lockert sich ihr, vorerst angestrengter, Gesichtsausdruck. Sie fängt an zu lächeln. „Nun, du hast mich offensichtlich vermisst!“, sagt sie arrogant. Ich hatte mit einer solchen Offenheit nie ein Problem gehabt. Ich gucke ihr in die Augen. Kindheitserinnerungen. Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern, wie wir früher Klingelstreiche in der Nacht gemacht haben. Alle zusammen, damals... Damals dachte ich auch, dass ich unseren nie Ort verlassen würde. Ich glaubte fest daran, dass ich mit meinen Freunden in Verbindung bleiben würde, egal was passiert. Jetzt steht sie vor mir. Nun, es fühlt sich etwas komisch an, gerade sie hier anzutreffen. Meine anderen Freunde, die auch den Absprung geschafft hatten, sind immer noch wie Brüder für mich. Training, Turniere, Vereinsfahrten und Wochenendfeiern. Das alles verbinde ich mit ihnen und mit meiner Heimat. Mit ihr ist es was anderes, etwas völlig anderes. Sie war eher wie eine Schwester. Wie eine kleine, ungeschickte Schwester. Aber das hatte mir gefehlt. Das Gegenstück zu den, etwas oberflächlich anmutenden, Männerfreundschaften. Etwas Fehlbares eben... „Mh,mh, hast du noch nie ein gutaussehendes Mädchen gesehen oder warum glotzt du so?“ Ich grinse und merke, dass ich zu Hause angekommen bin.

von Tassia Weimann

Im letzten Jahr sagte ich Teresa, dass die neue Stadt immer mehr mein Zuhause wird. Ein Jahr später kann ich sagen, dass es Zuhause ist. Meine Kisten voller Bastelsachen, mein Kleiderschrank, meine vier Wände. Oder besser gesagt unsere vier Wände. Ich habe eingerichtet und du hast es abgenickt. Mittlerweile schlafe ich hier besser, als in Peine. Das liegt einerseits an der Matratze und anderseits an der Tatsache, dass ich mich daran gewöhnt habe, dass jemand neben mir liegt.
Teresa schüttelte damals den Kopf. Für sie sei ihr Zuhause immer noch 150km entfernt. Da wo ihre Arbeit, ihre Freunde, ihr Freund sind. All das ist bei mir in ganz Deutschland verteilt oder direkt bei mir.
Ich komme immer wieder gerne zurück in die Heimat. Da, wo ich meine Kindheit und Jugend verbracht habe. Wo meine Eltern und meine Familie sind. Wo ich jede Straße kenne und mich nicht verlaufen würde. Aber ich komme zu Besuch. Ich lebe aus dem Koffer und packe diesen nach einer gewissen Zeit wieder. Immer mit etwas Schwermut und gleichzeitig mit Freude auf Zuhause. Auf dich.
Besonders an Weihnachten freue ich mich auf die Rückkehr in die Heimat. Alle finden aus ganz Deutschland ihren Weg in die Kleinstadt. Wir treffen uns in der Kirche, singen gemeinsam, wie früher in der Kantorei und ziehen abends um die Häuser unserer Kindheit. Mein Freund begrüßt mich am Crazy Daisy. Wie gut, dass wir die Heimat teilen. Dann machen wir einen Sprung in die Jahre, in denen Peine noch Zuhause war und wir von der großen Welt träumen. Jetzt genießen wir die vertrauten Momente umso mehr. Und ich hänge mit meinem Herz in diesem Moment nicht in der neuen Stadt, sondern genau da, wo du bist.
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Mittwoch, 11. November 2015

Printseite November 2015 / Macke


von Tassia Weimann

„Ich habe eindeutig ein Problem!“, schießt es mir durch den Kopf, als mir eine Freundin in ihrer Küche einen Teller mit Gulasch und Reis serviert. Sie hat mich und meinen Freund extra zum Essen eingeladen und nun sitze ich in ihrer Küche und plötzlich wird mir schlagartig klar, wie verbohrt ich bin. Denn neben den Teller liegt nur ein Löffel. Ein Löffel! Zu Reis und Gulasch! Dieses Problem kann ich noch lösen, indem ich nach einer Gabel frage. Lukas grinst und ich erkläre ihr mit einem Achselzucken, dass ich selten einen Esslöffel verwende. Wenn überhaupt nehme ich einen kleinen Löffel – bei Müsli, Joghurt und Co. Esslöffel gehen eigentlich nur bei Suppen. Sie lacht über meine „Esslöffelabneigung“ und holt uns jeweils eine Tasse mit dem Zusatz „Sorry, Gläser muss ich noch abwaschen“. Lukas unterdrückt ein Lachen, als er meinen Blick sieht. Pure Panik! Wasser aus einer Tasse trinken? Gott sei Dank ist es kein harter Plastikbecher. Ich schiebe meine Panik beiseite und trinke halt Wasser aus einer Tasse. Was soll‘s. Nach dem ersten Glas frage ich sie einfach nach Tee und die Welt ist wieder in Ordnung. Sie erzählt mir von einer Freundin, die wunderbar bunte Kuchen bäckt und ich schlucke bei dem Anblick von buntem Kuchenteig. Bäh! Lebensmittelgefärbte Zuckerglasur? Kein Problem. Dafür bekomme ich kaum ein Stück bunten Kuchen hinunter. Warum? Keine Ahnung. Als wir mit dem Hauptgang fertig sind, holt sie noch einen Teller Milchreis aus dem Kühlschrank, den wir uns brüderlich teilen. Genau in der Hälfte, weil ich es sonst nicht ertrage. Schließlich könnte dann jemand zu kurz kommen oder zu viel bekommen. Genau in der Hälfte ziehe ich also eine Linie. Gott sei Dank gibt es für mich einen Löffel. Aus Metal.

von Jonas Gadomska

Alle lachen. Sie schaut mich zähneknirschend mit einem hinterlistigen Grinsen an. So als würde sie versuchen sich zu beruhigen. „Ich glaube nicht, dass du in der Position bist, freche Bemerkungen machen zu dürfen!“ Ich lächele unschuldig und versuche mich zurechtfertigen, doch sie unterbricht mich mit den Worten: „Vor. Die. Tür!“ Als ich aus dem Klassenraum gehe, ärgere ich mich über mich selbst. „Du hast doch eine Macke. Warum kannst du nicht einmal deinen Mund halten, du weißt doch, dass sie humorlos ist!“, versuche ich mich zu beruhigen. Meine Witze versteht halt nicht jeder und Sarkasmus schätzen nun mal auch nur wenige, so wie ich. Umso lustiger finde ich es, wenn ich fragende Blicke ernte oder auch mal auf Unverständnis stoße. Nicht so wie in dieser Situation. Es ist schon das zweite Mal in diesem Monat, dass ich wegen „dummen Sprüchen“ einen Tadel von meiner unübertrefflich charmanten Physiklehrerin bekomme. Sie öffnet, immer noch mit einem roten Kopf, die Tür und bittet mich wieder herein. Ich setze mich. „Du denkst wohl du machst die besten Witze, nicht?“ Ich verneine diese Frage um sie nicht zu verärgern und die Situation etwas zu entschärfen. „Nun wollen wir sehen, wer hier lustiger ist!“ Wir schauen sie erwartungsvoll an. „Was ist ein Lichtjahr?“, fragt sie mit einem gespielten Grinsen. Wir gucken sie alle mit großen Augen an. Schweigen. Sie krächzt: „Die Stromrechnung für zwölf Monate!“, und fängt an zu lachen. Ihr beängstigendes Lachen verstummt. Stille. Sie rennt beschämt aus den Raum. Nun tut sie mir wirklich leid, hätte ich meinen Mund doch gehalten...


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Mittwoch, 14. Oktober 2015

Printseite Oktober 2015 / 5 Dinge


von Yasemin Rittgerott

1. Musik
Manchmal gehe ich den Menschen in meinem Umfeld sicher tierisch auf die Nerven, weil ich zum hundertsten Mal über irgendein Festival, eine Band oder diesen einen Song sprechen will. Live auf einer großen Bühne, auf meinem iPod, im Hintergrund beim Einkaufen – wie und wo ist mir eigentlich egal, was dann läuft nicht unbedingt. Aber generell kann man mich mit Musik immer ziemlich schnell, ziemlich glücklich machen.

2. Meer und mehr
Draußen am Meer, bei einer leichten Brise, die Zehen im Sandvergraben – das lässt mich ruhig werden. Die Natur hat so viel zu bieten, jede Jahreszeit hat ihren eigenen Charme, jede Landschaft ihren eigenen Reiz. Jede Art von Regen löst ein anderes Gefühl in mir aus. Ein starker Platzregen lässt mich zum Beispiel Dinge fühlen, die ich vorher vielleicht verdrängt habe, meistens sind es Kummer und Sorge, die dann auf mein Herz niederprasseln. Wenn es aber um mich stürmt und der Wind in meinen Ohren rauscht, dann wird es in mir ganz still. 

3. Sich woanders wie zu Hause fühlen
Unter die Decke gekuschelt sitze ich mit angezogenen Beinen auf dem Sofa und schaue einen Film, zwischendurch stehe ich kurz auf, gehe in die Küche, koche Tee, fülle ihn in meine Lieblingstasse – eine Szene, wie sie sich in meiner Wohnung abspielen könnte, abgesehen davon, dass ich kein Sofa besitze. Sich woanders wohl zu fühlen, nicht auf Zehenspitzen vorsichtig durch die Wohnung zu laufen, sondern zu wissen, in welchem Regal die Gläser stehen und in welcher Schublade die Chips versteckt sind, zu wissen, dass man hier ganz man selbst sein kann, wie in seinen eigenen vier Wänden.

4. Weinen
Ich weine selten einfach, weil ich traurig bin. Liebeskummer, Heimweh – ich fühle das, aber die Tränen kommen mir deswegen äußerst selten. Aber wenn in einem Film ein alter Mensch, die Liebe seines Lebens beerdigt, heule ich wie ein Schlosshund. Es sind die Nicolas Sparks-Schnulzen und eigentlich alle Grey’s Anatomy Folgen, die mir helfen, mal so richtigloszulassen und sich all dem Schmerz, der in mir schlummert, hinzugeben. Hinterher bin ich dann erschöpft und müde, aber auch um einiges leichter.

5. Sich in einem guten Buch verlieren
Was der Lehrer da vorne an der Tafel erklärt, geht an mir vorbei. In meinen Gedanken bin ich schon auf dem Weg nach Hause, zurück aufs Sofa und zurück in die Welt zwischen den Seiten. Es sind doch nur noch 100 Seiten... Die ganze Nacht habe ichgelesen, bis meine Mutter um vier Uhr zu ihrer Frühschicht aufgestanden ist, das Licht unter meiner Tür gesehen und mir das Buch weggenommen hat. An Schlafhatte ich gar nicht gedacht, war ich doch völlig eingenommen von dieser Geschichte, ja, fast schon ein Teil von ihr...

von Tassia Weimann

1. Stundenlange Gespräche über Gott (und die Welt).
Ich komme gar nicht dazu vom meiner Tasse Tee zu trinken, weil ich so ins Gespräch vertieft bin. Wir reden über Gott. Wir reden über ein Thema, was wir nicht einfach so im Kreis nach der Vorlesung ansprechen würden. Viel zu oft wird uns ins Wort gefallen, um uns zu sagen, dass Glauben Schwachsinn ist. Aber wir reden und reden und vergessen dabei die Zeit. Wir philosophieren darüber, was da ist oder auch nicht. Und schweifen zu den Dingen, die uns im Leben bewegen. Nachdem du gegangen bist, bin ich erstaunt wie viele Stunden wir nur mit Reden verbracht haben und fühle mich leicht.

2. Nachdenken und merken, dass es im Moment nichts gibt, worüber man nachdenken muss
Als ein Mensch, der ständig nachdenkt, bin ich für jeden Moment im Leben dankbar, wenn es nichts gibt über das ich nachgrübeln muss. Kopf an. Nichts da. Kopf aus. Lächeln.

3.Basteln
Nach zwei Stunden liegt eine kleine, aus Papier gefaltete Kugel vor mir auf dem Schreibtisch. Ich bin unendlich stolz, aus einem Stück Papier so etwas Schönes gemacht zu haben und erschöpft von so viel Konzentration. Handarbeit ist so wunderbar, weil man alles herum vergisst und seine ganze Konzentration auf den Gegenstand vor sich richtet. Ob es nun das Knäul Wolle ist, was durch ein paar Knoten und ein wenig Zeit eine Socke wird oder eben ein Stück Papier, welches später eine Lichterkette schmückt. Alles nur durch ein paar Handgriffe und alles einzigartig.

4. Bücher ins Bücherregal stellen, nachdem man sie gelesen hat.
Mit noch feuchten Augen bringe ich das Buch in meiner Hand zum Bücherregal. Einerseits traurig, weil es vorbei ist und andererseits furchtbar glücklich, weil das Buch nun im Kopf weiterlebt und neue Blickweisen möglich macht. Und: Hallo! Ich habe wieder eins geschafft! Ich bin der König der Welt!

5. Im Herbst Eichhörnchen in den Bäumen beobachten (und „Da ist ein Eichhörnchen!!!“, schreien, um alle in meiner Umgebung zu informieren)
Ich sitze auf dem Bett und rede mit dir, als plötzlich ein Eichhörnchen in unserem Garten vom Baum zu Baum springt. „Eichhörnchen!“, schreie ich und unterbreche damit meinen vorher angefangen Satz. Der Versuch mich wieder auf das Gespräch zu lenken, gelingt erst, als das Eichhörnchen nicht mehr in Sichtweite ist. Besonders schön sind die Situationen, in denen ich andere Menschen auf ihr Glück aufmerksam machen kann. Zum Beispiel im Bus, wenn ich meinen Freunden und allen anderen Anwesenden zu schreie, dass dort ein Eichhörnchen auf der Wiese sitzt. Doch irgendwie bin ich die glücklichste Person in diesem Moment. Das Ganze würde ich im Übrigen auch gerne bei Füchsen machen, aber die sieht man leider so selten.



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