Mittwoch, 17. August 2016
Mittwoch, 20. Juli 2016
Printseite Juli 2016 / Erster Tag
von Elina Göhrmann
…mit Führerschein
Vorsichtig rollte ich mit meinem Roller aus unserer
vollgestopften Garage. „Bloß nicht gegen die zahlreichen Geräte stoßen, bitte,
bitte bloß nicht irgendwo gegen stoßen.“ Ich nahm diesen inneren Monolog nur
nebenbei wahr, während ich die Farbe des Lackes, den gemütlichen Sitz und vor
allem die Vorfreude genoss – endlich konnte ich alleine auf meiner eigenen
125ccm-Maschine zur Schule fahren. Nie wieder auf dem Fahrrad gegen den Wind
ankämpfen! Nie wieder im Bus sitzen! Mein Helm und die riesige Motorradjacke,
die mein Kreuz mindestens doppelt so breitmachte, hatten schon seit Tagen ihren
angestammten Platz in meinem Zimmer gefunden und waren immer wieder
hervorgekramt worden. Mit wenigen Worten: Ich hatte endlich meinen ersten
Führerschein! Es interessierte in diesem Moment nicht, dass auch mein Fahrrad
irgendwann einmal so behütet worden war, dass es bloß keinen Kratzer bekommen
durfte. Und auch nicht, dass eben jenes inzwischen voll von diesen kleinen
Makeln war. Was zählte war einfach nur dieser Moment, in dem jede Kleinigkeit,
die mit dieser elfenbeinfarbenen Maschine zu tun hatte, einfach famos war.
von Jonas Gadomska
…im neuen Verein
Ich drücke die Klinke herunter, lehne mich gegen die große
rote Stahltür und öffne sie angespannt. Vor mir befindet sich ein schmaler
langer Raum mit langen Bänken, die links und rechts an den Wänden montiert
wurden. Auf ihnen sitzen mindestens zwanzig andere Jungen, wobei ich die Hälfte
heute zum ersten Mal sehe. Mein Blick wandert die Bänke entlang und stoppt am
Ende des Raums. Ich erkenne die nur Umrisse der Person, die vor dem Fenster
steht. Sie scheint größer als ich zu sein und kommt auf mich zu. „Hallo Jonas,
da bist du ja!“, sagt sie mit einer heiteren Stimme. Ich kneife meine Augen
zusammen und erkenne die Gesichtszüge und die Statur eines älteren Mannes. Er
streckt mir seine rechte Hand entgegen, als er mich erreicht und sagt zu den
anderen: „Leute, ich glaube wir werden diese Saison durch unseren neuen
Mitspieler und Vereinskameraden noch besser sein!“ Ich lächele und meine
Anspannung fällt wie ein Stein von meinem aufgeregten Herzen.
von Tassia Weimann
Erster Schultag... auf der anderen Seite
Ich stehe im Klassenzimmer und lasse meinen Blick über die
leeren Plätze schweifen. Es ist ruhig. Alles liegt gut vorbereitet auf dem
Lehrerpult. Ich atme aus, um meinen Herzschlag zu beruhigen. Ich rede
abwechselnd mit meiner Praktikumslehrerin und mit den Regenwürmern, die sich in
der Plastikbox winden. Ihre Gefährten haben in der Glasvase einen schöneren
Platz und den leichteren Job erwischt, aber diese sind gut versteckt hinter dem
Lehrerpult. Die Kinder kommen nach und nach in die Klasse und erzählen von
ihrem Weg zur Schule oder vom letzten Tag. Während sie ihre Aufgaben vor dem
Klingeln erledigen, fragen sie mich auch um Hilfe. Ich merke, wie meine
Anspannung etwas abfällt, auch wenn mich meine Dozentin von der letzten Reihe
aus beobachtet. Ich fühle mich als Teil der Klasse, spüre das Vertrauen der
Schülerinnen und Schüler. Die Lehrerin liest im Morgenkreis noch selbst eine
Geschichte vor. Thematisch passend über einen Jungen und einen Regenwurm.
Leider haben wir die Geschichte nicht vorher gelesen und so gibt es laute
Proteste und vor Ekel verzogene Münder, als erklärt wird, dass der Junge den
Regenwurm isst – mit ganz viel Ketchup. Ich lache mit, aber hoffe inständig,
dass die Kinder nun trotzdem die Regenwürmer in die Hand nehmen werden. Die
Stunde läuft so, wie ich sie mir zurechtgelegt hatte. Die in stundenlanger
Kleinstarbeit erstellten Materialien motivieren die Kinder. Ihre Spannung ist
förmlich zu greifen, als ich die Vase mit den Regenwürmern auf den Tisch
stelle. Und während die Kinder in den Stationen arbeiten, habe ich Zeit alles
zu überblicken. Ich bin erleichtert und fühle mich unendlich wohl. Ich nehme
mir ein paar Sekunden, um diesen Moment einzufrieren. Zu konservieren, um ihn
später wieder abrufen zu können. Meine erste Schulstunde auf der anderen Seite
des Klassenzimmers hätte nicht schöner laufen können.
Mittwoch, 29. Juni 2016
Printseite Juni 2016 / Peiner Freischießen
von Tassia Weimann
Mit großen Augen stand ich zwischen den vielen Beinen am Markplatz und hörte der Marschmusik zu. Die Spielmannszüge marschierten an mir vorbei. Voller Faszination schaute ich mit meinen fünf Jahren zu meiner Mutter hoch und fragte sie, wann ich denn endlich im Spielmannszug spielen dürfe. Sie vertröste mich noch ein paar Jahre bis ich mit elf Jahren endlich meine Querflöte in den Händen hielt. Freischießen gehörte seitdem immer zu den Highlights im Jahr – etwas auf das man sich das ganze Jahr vorbereitet und mit Spannung erwartete. Und so führte ich die kleine Familientradition weiter. Doch fünf Jahre später trat ich aus, war mitten in der Pubertät und andere Sachen wurden wichtiger. Seitdem meide ich das Freischießen, fahre lieber in den Urlaub oder schiebe die Klausurenphase vor. Es ist nicht eben nicht mehr dasselbe. Ich bin kein Teil mehr des Ganzen, kein Teil der Tradition und kein Teil eines Vereines. Wenn ich jetzt die Marschmusik höre, klingt immer ein wenig Wehmut mit und manchmal auch ein wenig Sehnsucht. Ich stehe auf der falschen Seite der Straße. In meiner Studentenstadt gibt es zwar das ein oder andere Stück, was ich kenne, aber nur zur Faschingszeit. Aber das Freischießen ohne all die alten Traditionen ist für mich nicht vollkommen. Für die Festzelte ohne Eintrittspreise fühle ich mich zu alt und in den Vereinszelten würde ich mich unbehaglich fühlen. Also gehe ich lieber nicht hin, behalte die schönen Erinnerungen an eine schöne Zeit und summe die Märsche mit, wenn sie mir doch irgendwo über den Weg laufen.von Elina Göhrmann
In meinen alten Kalendern wurde jedes Jahr das erste Juliwochenende mehrmals rot eingekreist. Mal mit tausend Smileys versehen, mal mit Herzen, mal mit einem genauen Plan, wann ich mit wem zum Freischießen gehen werde. Während ich in Peine zur Schule ging war diese sogenannte fünfte Jahreszeit schon Wochen vorher immer felsenfest mit eingeplant. Jetzt blicke ich bei einem Besuch in die Zeitung und bemerke, dass diese Freude abgenommen hat. Jahr für Jahr ist sie kleiner geworden. Im ersten Jahr, weit weg von Peine, war es noch schade, dass genau zu dieser Zeit Prüfungen angesetzt waren, im zweiten habe ich nicht mehr krampfhaft versucht, dieses Wochenende frei zu bekommen und nun im dritten Jahr habe ich es sogar glatt vergessen. Das Freischießen wurde abgelöst. Abgelöst durch die Feste in der Stadt, in der ich jetzt studiere. Es ist fast so, als würde es einfach zu einem anderen Lebensabschnitt dazugehören und irgendwie ist das auch gar nicht schlimm. Denn anstatt mir darüber den Kopf zu zerbrechen oder zu versuchen, diese Freude wieder zurückzuholen, genieße ich stattdessen die zahlreichen fantastischen Erinnerungen, die es mir in meiner Zeit in Peine eingebracht hat. Und das kann ich zu jeder Zeit und nicht nur am ersten Juliwochenende.von Yasemin Rittgerott
1992: Meine Mutter muss wohl so im vierten Monat mit mir
schwanger gewesen sein; der erste Ausflug zum Freischießen war für mich also
schon sehr früh.
1996: Ich durfte ganz lange aufbleiben und von Papas Schultern aus das erste Mal das Feuerwerk bestaunen.
1996: Ich durfte ganz lange aufbleiben und von Papas Schultern aus das erste Mal das Feuerwerk bestaunen.
1997: Jedes Jahr ziehen Spielmannszüge und Kooperationen
durch Peines Straßen – ein riesen Spektakel. Mein Opa war Mitglied in der
Schützengilde, ich stand in der Menge und habe ganz aufgeregt am Straßenrand
darauf gewartet, dass er an uns vorbeikommt, ich zu ihm laufen und ihm, wie es
Tradition ist, meine Rose geben konnte.
1999-2006: Freischießen war jedes Jahr aufregend. Etwas
schüchtern, was Fahrgeschäfte angeht, haben meine Schwester und ich uns nur vom
typischen Kinderkarussell mit Feuerwehrauto und Pferdekutsche zur Berg und Tal
Bahn gesteigert. In unseren jüngeren Jahren waren aber vor allem Zuckerwatte
und große mit Helium gefüllte Luftballons unsere Highlights. Ich erinnere mich
noch zu gut an einen Papagei, der tagelang an meiner Zimmerdecke schwebte,
bevor er sich mehr und mehr Richtung Boden verabschiedete, nur mir viel der
Abschied auch dann noch sehr schwer.
2007: Zwar war ich auch schon früher mit Freuden auf dem
Schützenplatz allein herumgelaufen, aber mit 14 durfte ich zum ersten Mal ganz
alleine los, ohne mich zwischendurch bei meinen Eltern am Börsenzelt melden zu
müssen. Dabei wurde mir dann auch zum ersten Mal eine Rose geschossen.
2009: Meine erste durchgemachte und damit längste Nacht,
durchgetanzt auf dem Niedersachsenzelt. Auf dem Heimweg ging langsam die Sonne
auf und ich war mir nicht sicher, ob es eine gute Idee war, im Hinblick auf
die, in ein paar Stunden anstehende, Reise auf einem Kreuzfahrtschiff.
2011: Mit dem Glück sehr nah am Schützenplatz zu wohnen und
den Eltern im Urlaub, wurde mein zu Hause am Freitag zur Anlaufstelle für viele
Freunde, um dann gemeinsam in die Nacht zu starten.
2013: Das erste Freischießen in langer Zeit, das ich
aufgrund eines Auslandsaufenthaltes nicht besuchen konnte.
2014: Zwei Jahre sind seit dem Abitur vergangen, aber hier
ist immer noch alles, wie immer. Wir sind vielleicht älter geworden und
springen nicht mehr völlig außer Rand und Band über die Tanzfläche, aber kaum
betritt man den Festplatz, erspäht man im Gemenge tausend bekannte Gesichter.
2016: Gerade bin ich wieder aus dem Ausland zurück und weiß
schon genau, wo ich dieses Wochenende meine Freunde treffen werde.
von Jonas Gadomska
„Ey, Jonas! Wir zählen dieses Wochenende auf dich!“, reißt mich eine Stimme aus meinen Gedanken. Ich drehe mich um und schaue in die Runde. Meine Freunde haben sich in einer Art Halbkreis aufgestellt und gucken mich nun erwartungsvoll an. Ich zögere. „Du hast es doch nicht etwa vergessen?“ Während ich mir meinen Kopf kratze, symbolisiere ihnen mit einem Achselzucken, dass ich keinen blassen Schimmer habe, wovon sie sprechen. „Man Junge, wir sind beim Freischießen!“, sagt einer meiner Kumpels genervt. Stimmt, Freischießen! Es war ja immer kurz nach dem Beginn der Sommerferien. Und ich war fast jedes Jahr mit ihnen oder mit meinen Vereinskollegen dort. Ich räuspere mich. „Ja, ich weiß noch nicht ob ich kommen werde. Sorry Leute!“ Sie gucken mich verdutzt an. Ich habe es halt immer gehasst, mit dem Fahrrad in der Nacht durch den halben Landkreis fahren zu müssen. Oder viel zu viel Geld für eine Bratwurst auszugeben, die so dunkel ist, wie die Steine der Brauerei. Aber was ist ein Sommer in Peine ohne Freischießen? „Wisst ihr was Leute? Ich komme unter einer Bedingung mit! Dieses Freischießen gebt ihr die Bratwurst aus!“ Alle fangen an zu lachen. Ich hoffe, dass sich das Freischießen auch so gut anfühlen wird, wie seine Planung.
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