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Mittwoch, 19. Oktober 2016

Printseite Oktober 2016 / Einmal ..., bitte!


von Tassia Weimann 

Einmal Mut, bitte! 
Die Angst greift um sich, um sich jedes Herz zu schnappen, welches ihr über den Weg läuft. Sie macht es kalt und starr. Kein Mitgefühl, nur Hass. Gespickt von Vorurteilen und Furcht vor dem Unbekannten.
„Mut ist eine Sache, die man nur sehr schwer verstehen kann. Man kann Mut haben, der auf einer dummen Idee oder einem Fehler beruht. Aber man darf die Erwachsenen nicht fragen oder deinen Coach oder deinen Lehrer, weil sie die Regeln machen. Vielleicht wissen sie es besser, vielleicht aber auch nicht“, sagt der Junge im Fernsehen und dringt damit sofort in mein Herz. Wir brauchen mehr Mut. Mut, uns eigene Gedanken zu machen.
Wie die Frau in dem Film „Blind Side“, die den dunkelhäutigen, obdachlosen Jungen aufnimmt und ihm wieder Hoffnung gibt. Wie eine Löwin verteidigt sie ihn vor ihren oberflächlichen Freundinnen, die mit all den Vorurteilen nur so um sich werfen. Und ich bewundere sie. Sie kämpft und behält Recht damit. Weil sie auf ihr Herz gehört und Vorurteile über Bord geworfen hat. Sie hat den Menschen gesehen und einfach geholfen. Und in diesem Moment möchte ich all die kalten Herzen schütteln und ihnen zu rufen, dass sie einfach Mut brauchen. Mut etwas zu riskieren, sich in Unbekanntes vorzuwagen und eines Besseren belehrt zu werden. Mut zu lieben und Liebe zu ernten.

von Yasemin Rittgerott 

Einmal „wir“, bitte! 
"Wir gehen jetzt rauchen.", sage ich beiläufig zu einer Freundin. "So, so, jetzt seid ihr schon beim 'wir'.", schmunzelt sie als Antwort und macht sich alleine auf den Weg zur Bar. Draußen stehen wir uns gegenüber und ich sehe dich an. Plötzlich hat dieser Satz, der mir so leicht über die Lippen kam, ein ganz anderes Gewicht. Wir - das kenne ich noch nicht. Wir - das macht mir Angst. Wir - das könnte hohe Wellen schlagen, das könnte ganz fürchterlich schiefgehen. Die Vergangenheit hat ihre Spuren hinterlassen und warnt nichts zu überstürzen. Zu oft war die Enttäuschung zu groß.
Doch dann sehe ich dich wieder an und Neugierde überkommt mich: Was könnten wir sein? Lass uns gemeinsam fallen, einander in den Armen landen, miteinander herausfinden, was wir sind.
Bisher habe ich ganz gut allein getanzt, doch jetzt möchte ich mich mit dir im Kreis drehen. Und dann stillstehen, die Zeit vorm Fenster vorbeiziehen lassen, während auf der Mattscheibe die Leben anderer passieren. Sich dann wieder bewegen, näher zueinander rücken, sich kennenlernen und Musik hören, die nur wir kennen.
Denn vielleicht steht am Ende nur ein Wort, dort, wo du und ich gemeinsam sind: wir.

von Elina Göhrmann 

Einmal Zeit, bitte! 
22:00 Uhr: Tür aufschließen und die Tasche in die Ecke schmeißen. Die Wohnung ist immer noch unaufgeräumt. Seit drei Tagen. Und es wird immer schlimmer. Wo ist die Zeit geblieben? Mit einem letzten Blick auf das Bett, schnappe ich mir die erste Ladung Wäsche. Den Staub in der Ecke ignoriere ich gekonnt: Wenn ich um diese Uhrzeit staubsauge treten mir die Nachbarn die Tür ein. Vielleicht komme ich ja morgen Abend früher nach Hause. Als nächstes ist der Abwasch dran, dann ein kurzes Sortieren der Post und des Papierkrams. Es ist Wahnsinn, wieviel Zeit diese alltäglichen Dinge beanspruchen. 23:00 Uhr: Es sieht etwas besser aus, aber nicht viel. Für sieben Stunden Schlaf muss ich jetzt aber ins Bett. Die nächsten Tage gleichen dem letzten: morgens aufstehen, abends nach Hause kommen und ein bisschen Kleinkram wegräumen. Erst eine Woche später habe ich endlich eine freie Woche und stehe um elf Uhr in meiner blitzblank geputzten Wohnung. Endlich! Aber was fang ich vor lauter Schreck jetzt mit meiner freien Zeit an?
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Mittwoch, 21. September 2016

Printseite September 2016 / Ich in einem Film/Buch oder einer Serie


von Elina Göhrmann 

Ob das wohl auch geht, wenn es keine Pelzmäntel sind? Ich schaue noch einmal vorsichtig hinaus in den Flur, bevor ich leise den Kleiderschrank meiner Mutter öffne. Nicht ein einziger dicker, brauner Mantel hängt darin – nur normale Jacken. Und als ich mit dem Finger über die Stoffe fahre, stelle ich enttäuscht fest, dass sie sich auch gar nicht flauschig anfühlen. Dennoch muss ich es versuchen. Mit Elan lege ich das dicke Buch auf den Boden und krabble vorsichtig in den Schrank hinein. Es ist ziemlich eng. Ich schließe die Augen und sehe es förmlich vor mir, wie ich durch den Schrank hindurch in Narnias Wald gehe. Überall zwitschern Vögel und ich würde sofort den Löwen Aslan suchen. Und natürlich würde ihn finden, schließlich glaube ich ganz fest daran. Und dann würde ich Lucy kennen lernen, und Peter, Edmund und Susan. Edmund würde dann niemals mit der weißen Hexe mitgehen, denn jeder weiß, dass das falsch ist und ich kann Leute sehr gut überzeugen. Natürlich würde ich auch bei allem anderen mithelfen, aber das wäre wohl das Wichtigste von dem, was ich mir vorgenommen habe. Meine Finger gleiten über den Boden und tasten nach dem Gras. Und dann bin ich beim Hindernis angekommen und sinke enttäuscht in mich zusammen. Die Schrankwand. Ich klettere wieder aus dem Schrank, schnappe mir das Buch und gehe wieder zu meinem Zimmer. Auf dem Weg komme ich an meiner Mutter vorbei. „Warum hast du keine Pelzmäntel in deinem Schrank?“, schmolle ich und verkrieche mich ohne einen weiteren Kommentar mit meinem Buch unter meiner Bettdecke.
Film/Buch: Narnia

von Tassia Weimann

Düster, kalt, brutal. Mein erster Eindruck von der neuen Welt erdrückt mich. Die kalten Burgmauern erstrecken sich mehrere hundert Meter hoch über meinen Kopf. Die Menschen eilen, wie im Mittelalter mit ihren Waren und Vieh auf der Straße umher. Sie sehen krank und ungewaschen aus. Kein Prunk, kein Zauber, so wie ich es mir ausgemalt hatte. Ich fröstel. Und das obwohl ich im Süden von Westeros bin und es mindestens 26 Grad Celcius hat. Der Geruch aus Unrat und Schweiß steigt mir in die Nase. Und mir kommt nur ein Gedanke: Ich muss hier weg.
Ich eile aus der Stadt hinaus zum Hafen von King‘s Landing und schaue auf den weiten Ozean hinaus. Neugierig lausche ich den Gesprächen der Matrosen und schnappe die neusten Gerüchte auf. Von Daenerys und ihren Drachen und all den anderen starken Frauen in dieser Welt. Ich seufze, weil ich von all dem nichts mitbekomme. Mir ist wohl eine Rolle bei den unteren Zehntausend vorgeschrieben. Ich sehne mich nach mehr Einfluss und Luxus, als mir ein blaues Licht ins Auge fällt. Ich schaue in den Himmel, als ich den blauen Drachen über meinen Kopf erblicke, dessen Schuppen das Licht zurückwerfen. Und plötzlich bin ich mitten drin – eine weitere Frau erhebt Anspruch auf den Thron.
Serie: Game of Thrones

von Yasemin Rittgerott

Als ich in meine neue WG eingezogen bin, war ich begeistert: tolle Wohnung, nette Leute, gute Lage. Genau das richtige, wenn man neu in eine fremde Stadt kommt. Doch kurz nach meinem Einzug, musste ich feststellen, dass ich es auch besser hätte treffen können. In der Wohnung unter uns wurde nämlich auch ein Zimmer frei. Die Castings waren wohl nicht leicht, aber am Ende fanden die Jungs jemanden: Jess, das ‚New Girl’. Es ist nicht zu überhören, dass bei ihnen mehr los zu sein scheint, als bei uns: meine Mitbewohner haben sich zwar als nett, aber auch als tierische Langweiler herausgestellt. Zu der WG von unten konnte ich jedoch bis jetzt noch keinen richtigen Draht finden. Ich habe zwar schon versucht mit ihnen ins Gespräch zu kommen, aber ob im Fahrstuhl, oder vor der Tür, beim Müllrausbringen oder wo auch immer, irgendwie wirken sie oft etwas abwesend oder verwirrt. Dabei würde ich sie echt gerne kennenlernen! Gerade drönt laute Musik zu mir nach oben und man hört Stimmen und Gelächter. Da scheint eine fette Party im Gange zu sein. „Los, jetzt versuch es noch ein letztes Mal! Du musst endlich Freunde finden!“, ruft meine innere Stimme mir zu. Ich bin etwas aufgeregt, als ich in den Fahrstuhl steige und ein Stockwerk nach unten fahre. Völlig unbegründet: Winston öffnet mir breit grinsend die Tür und drückt mir einen Drink in die Hand. Ich glaube zwar, er verwechselt mich, aber endlich bin ich drin.
Serie: New Girl
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Mittwoch, 17. August 2016

Printseite August 2016 / Unsichtbar


von Yasemin Rittgerott 

Es leben etwas über 7.353.804.000 Menschen auf der Welt. Gehe ich raus werde ich zum Teil der Masse. Ich beobachte die Menschen um mich herum gerne, wenn ich im Zug in die Heimat sitze und die Nacht die Landschaft vor dem Fenster verschluckt. Oder an der Supermarktkasse wenn die Kassiererin sich mal wieder zu viel Zeit lässt. Doch wie oft sehe ich die Menschen wirklich an? Meist schaue ich auf die Schuhe, die ich auch gerne hätte, die Handtasche oder die Frisur, die ich einfach nur grässlich finde. Wie oft ist der Mensch hinter seinem eigens nach außen zur Schau gestellten Kunstwerk nicht wichtig für mich? Wie oft sehe ich nicht richtig hin? Wie oft ist die Person selbst einfach nicht relevant? Ebenso erfahre ich am eigenen Leib, wie ich für andere unsichtbar bin. Jeden Tag verschwimme ich mit meinen Mitmenschen zu einem großen Gewühl, in dem der Einzelne nichts mehr zählt, ob in der Mensa beim großen Mittagsandrang, oder auf dem Konzert meiner Lieblingsband vor der Bühne. Man wird angerempelt und bekommt statt einer Entschuldigung nur einen genervten Blick von der Seite. Wenn ich so darüber nachdenke, wird mir ganz anders. So will ich doch gar nicht sein. So egal sollten mir die anderen, so unbekannt sie mir auch sein mögen, nicht sein. Ich appelliere an mich, an alle für: mehr Rücksichtsname, aufeinander Acht geben, sich ansehen und mehr geschenkten Lächeln.

von Tassia Weimann

Das unsichtbare Band, was zwischen uns einmal existiert hat, ist verschwunden. Keine Zuneigung, keine Vertrautheit, nur unendlich viele Worte, die wir uns im Ping-Pong-System zuwerfen. Wir können nicht jedes annehmen, manche prallen an unseren Schultern ab und andere werden mit einer gewaltigen Kraft zurückgeschleudert. Wir haben uns auseinandergelebt. Das Band ist zerrissen. Wie oft ich es versucht habe, es wieder zu nähen und irgendeiner von uns es wieder aufgerissen hat. Selbst die einfachsten Themen werden für uns zur Herausforderung. Unsere Worte sind gespitzt mit Vorwürfen von einer längst vergangenen, augenscheinlich gänzlich unwichtigen Zeit und doch fordern sie uns immer wieder heraus. Die anderen scherzen mit uns über die vergangene Zeit, über unsere Freundschaft, die schon einige Zeit übersteht. Vieles bleibt unausgesprochen, weil jeder doch die alten Geschichten kennt. Fast jeder in der Runde hat sie miterlebt und diejenigen, die sie nicht miterlebt haben, sollen ihre Tragweite nicht verstehen. „Alles locker, alles easy“ wollen wir vermitteln. Doch irgendwann kommen die anderen auf heiklere Themen und ich merke, dass es für dich nicht immer so einfach war, wie du es zu verkaufen versuchst. Ich habe meinen Einfluss auf dich unterschätzt. Irgendwo da unter deiner Fassade ist mehr. Mehr Wut und mehr Enttäuschung, als du dir und mir jemals zugestehen würdest. Und ich weiß nicht, ob mich diese Spuren in dir traurig machen oder mich beruhigen, dass ich nicht gänzlich aus deinem Leben verschwunden bin.

von Jonas Gadomska 

Leise ziehe ich die Tür hinter mir zu und schließe sie ab. Meine linke Hand greift routiniert in eine der hinteren Hosentaschen, in dem sich mein Smartphone befindet. Die Musik wird lauter. Dumpfe Klänge schallen nun aus meinen Kopfhörer, ich steige auf mein Rad und fahre los. Mir die Augen reibend, radele ich den Berg herunter. Viel zu früh und viel zu montägig für mich. Die Tatsache, dass ich in den ersten beiden Stunden an einem anderen Gymnasium unterrichtet werde, raubt mir jetzt schon den letzten Nerv. Dann werde ich mich wieder ganz allein und mit gesenktem Kopf durch die Flure kämpfen müssen. Ich werde, für andere unsichtbar, in einer lärmenden Menschenmasse vor dem Kursraum warten, um anschließend mein Schattendasein auf dem hintersten Stuhl fristen zu können. Ich atme tief durch und spüre die kalte Luft in meinen Lungen. Es sind ja nur zwei Schulstunden und der Montag ist sicher auch bald vorbei. Ich trete in die Pedale und hoffe, dass ich nach dem Kurs schnell in meine gewohnte Umgebung zurückkehren kann.

von Elina Göhrmann 

BAMM! Voller Wucht traf ich auf ein unsichtbares Hindernis. Ein paar Meter zurück, noch einmal schauen. Seltsam, genau an dieser Stelle sah ich nur die großen grünen Bäume und die blühende Wiese. Ich versuchte es erneut. BAMM! Ein wenig schwirrte mir schon der Kopf, während ich verwirrt erst einmal blieb, wo ich war. Konnte doch nicht sein. Vor wenigen Minuten war ich doch erst genau an dieser Stelle in dieses große Haus hineingeflogen! Dieses Mal flog ich etwas langsamer wieder in die Richtung, an der mich ständig etwas davon abhielt, wieder nach draußen zu fliegen. Da! Da war es schon wieder, obwohl ich einfach nichts sah. Vorsichtig platzierte ich erst zwei Beine, dann vier und dann alle sechs auf der Fläche. Das Hindernis war glatt, sehr stabil und auch aus dieser Entfernung nicht zu erkennen. Ein bisschen hoch krabbeln, ein bisschen runter. Das Hindernis nahm kein Ende. Aber ich hatte nun wirklich keine Lust hier drin zu bleiben und ich wusste hundertprozentig, dass ich eben noch hier hereingekommen war. Ich flog wieder ein Stück zurück, nahm ein Stückchen weit über der eben anvisierten Stelle in den Blick und BAMM! Wieder nichts. Dieses Mal torkelte ich nach unten und blieb auf dem glatten Boden liegen. Keine Wiese. Immer noch im Haus. Kann mir bitte jemand erklären, was hier los ist?
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